Weserkurier

Der Gesundheitscampus nimmt Fahrt auf.
Bericht im Weserkurier zum aktuellen Stand des Gesundheitscampus.

Pressemitteilung | 13.11.2021

Gesundheitsbranche schmiedet Allianz

Bremen. Was verbindet das Rot-Kreuz-Krankenhaus, das Fraunhofer-Institut für digitale Medizin, die Apollon-Hochschule für Gesundheitswirtschaft und den Projektentwickler Rolf Specht? Bis vor Kurzem gar nichts, und das war genau das Problem. Viele Akteure der Bremer Gesundheitsbranche muddelten in der Vergangenheit unkoordiniert vor sich hin, statt sich als Teile eines wichtigen Wirtschaftszweigs mit 60.000 Beschäftigten zu begreifen, der gemeinsame Interessen hat und in der Stadt viel bewegen könnte.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Das hat mit einem Projekt zu tun, das im Februar mit einer vergleichsweise bescheidenen öffentlichen Finanzierung gestartet wurde und seither ein hohes Tempo aufrecht erhält: der Gesundheitscampus. Der Begriff bezeichnet ein Netzwerk von aktuell knapp 30 Institutionen und Unternehmen, die in verschiedenen Sektoren der breit gefächerten Gesundheitswirtschaft tätig sind. Neben den eingangs genannten Einrichtungen sind das unter anderem die Krankenkassen DAK, TK und HKK, die Bremer Heimstiftung und die IT-Firma Atacama, die Software für die Patientendokumentation in Krankenhäusern anbietet.

Problem Nachwuchsmangel
Stefan Görres heißt der Mann, der die Akteure an einen Tisch geholt hat. Mit einem kleinen Team von vier Mitarbeitern hat er einen Flur im früheren Sparkassenkomplex am Brill bezogen. Der frühere Soziologie-Professor und Pflegewissenschaftler ist nun dabei, eine Allianz zu schmieden. Einer solchen Anstrengung bedarf es wohl auch, um das größte Problem der Gesundheitswirtschaft anzugehen: den Nachwuchsmangel, der vor allem die Pflegeberufe betrifft. Bis 2035 werden dort rund 40 Prozent aller Beschäftigten altersbedingt ausscheiden. Es geht also darum, vorhandene Berufsbilder weiterzuentwickeln und die Branche als Arbeitgeber interessanter zu machen, „damit die jungen Leute bei Pflege nicht an Hintern abwischen denken und gleich abwinken, wenn man sie für die Gesundheitswirtschaft zu gewinnen versucht“, sagt Görres.
Um sich attraktiver aufzustellen, müsse die Branche allerdings erst einmal wissen, welche Art von Gesundheitsversorgung sich die Bürger für die Zukunft überhaupt wünschen. Hier setzt der Gesundheitscampus mit einem seiner ersten gemeinsamen Projekte an. „Ende des Jahres werden vier sogenannte Perspektivwerkstätten stattfinden“, kündigt Stefan Görres an. Dabei sollen Jugendliche sowie Angehörige der Altersgruppen um die 30, 50 und 70 Jahre ausführlich zu ihren Vorstellungen für eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Gesundheitsversorgung befragt werden. Die Erkenntnisse, die auf diese Weise gewonnen werden, sollen dann unter anderem in Empfehlungen an die Bremer Politik einfließen. Eines der Stichworte ist der Aufbau niedrigschwelliger Gesundheitsangebote in den Stadtteilen, jeweils mit klarer Zielgruppenorientierung. Auch für die Weiterentwicklung der einzelnen Berufsbilder im Pflegebereich können die Ergebnisse der Perspektivwerkstätten wertvolle Hinweise geben.

Derweil ist ein anderes Projekt bereits gestartet. In Kooperation mit dem Gesundheitscampus hat die Wissenschaftsbehörde fünf Doktorandenstellen für das Forschungsprojekt „Gesunde Stadt“ ausgeschrieben. Alle bremischen Hochschulen können sich darauf bewerben. Die Nachwuchswissenschaftler sollen Vorstellungen für eine verbesserte Gesundheitsversorgung im Land Bremen entwickeln. Das Projekt ist auf einen Zeitraum von fünf Jahren angelegt.

Erstes Netzwerktreffen geplant
Bei solchen konzeptionellen Überlegungen muss nach Ansicht von Stefan Görres der Umgang mit knappen personellen Ressourcen eine wichtige Rolle spielen. Denn selbst wenn es gelinge, Bremen als attraktiven Standort der Gesundheitswirtschaft stärker zu profilieren, werde es schwer bleiben, genügend beruflichen Nachwuchs zu rekrutieren. „Wir müssen neue Ideen für die Gesundheitsversorgung in den Quartieren entwickeln“, sagt der Pflegewissenschaftler. Ehrenamtlichkeit und nachbarschaftliche Unterstützung seien dabei wichtige Stichworte.
Für Anfang Dezember planen die Partner des Gesundheitscampus ein erstes Netzwerktreffen mit Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD). Der Bremer DAK-Chef Jens Juncker findet es beachtlich, was in den vergangenen Monaten bereits in Gang gekommen ist. Der Campus habe das Zeug zu einem „Leuchtturmprojekt“ insbesondere für die Bekämpfung des Fachkräftemangels. Juncker hofft, „dass wir diese Geschwindigkeit beibehalten“. Ganz ähnlich sieht es die Präsidentin der Apollon-Hochschule, die in Uni-Nähe ansässig ist und bei der fast 3000 junge Menschen für ein Fernstudium eingeschrieben sind. Johanne Pundt ist überzeugt, dass die Gesundheitsbranche durch das neue Netzwerk viel zu gewinnen hat – nicht zuletzt eine größere Beachtung durch die Politik.
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ZUR SACHE: Gesundheitscampus
Das Konzept, die verschiedenen Akteure der Gesundheitswirtschaft zusammen zu führen und ihre Interessen zu bündeln, ist keine Bremer Erfindung. Ähnliche Projekte gibt es bereits in über einem Dutzend deutscher Städte, häufig angelehnt an Hochschulen. In Bochum entwickelte sich daraus ein regelrechter gesundheitswirtschaftlicher Gewerbepark. In Niedersachsen existieren Zusammenschlüsse in Osnabrück und Göttingen. Dort sind aus dem Projekt duale Studiengänge im Bereich der Pflege und Therapiewissenschaften entstanden. Die Konzepte sind also unterschiedlich, die Nachwuchsgewinnung für gesundheitswirtschaftliche Berufe ist aber eine gemeinsame Stoßrichtung.

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