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IGB unterwegs    11.12.2023

Gesundheitspolitisches Kolloquium zum Thema „Gesundheit und Gesundheitsversorgung von LSBT*Q - gesundheitliche Chancengleichheit“

„Bei der Diversität haben wir einen Nachholbedarf"

Auf wieviel Vielfalt kann das Versorgungssystem reagieren? Mit dieser Frage befasste sich das Gesundheitspolitische Kolloquium des SOCIUM bei seiner letzten Veranstaltung in diesem Jahr. Für das Thema „Gesundheit und Gesundheitsversorgung von LSBT*Q - gesundheitliche Chancengleichheit“ war als Referent der Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e.V., Thomas Altgeld, eingeladen.

Moderiert wurde der Abend von Prof. Eva Quante-Brandt. Zu Beginn weist die ehemalige Gesundheitssenatorin noch einmal auf die Wichtigkeit des Themas hin. Quante-Brandt: „Das Thema ist sehr breit angelegt. Seit 1991 ist die sexuelle Orientierung bei der WHO nicht mehr als Krankheit gelistet. Daran sieht man, dass wir bei Diversität einen Nachholbedarf haben. Wir freuen uns deshalb sehr, Thomas Altgeld hier begrüßen zu dürfen. Er ist jemand, der sich bei sozialer Gesundheit sehr engagiert. Es ist gut, dass es Menschen in dem Bereich gibt, die über den Tellerrand gucken können.“

Altgeld betont in seinem Vortrag, dass Diversität auch wirklich Diversität bedeutet und man es nicht einfach mit Schlagworten eingrenzen kann. Er sagt: „Schwule Männer und lesbische Frauen sind auf den ersten Blick gemeinsam. Aber beim genaueren Hinschauen sind sie eine Gruppe, die wieder auseinanderfällt. Beispielsweise haben Männer mit einem höheren Bildungsstandard eine höhere Lebenserwartung, als schlecht gebildete Frauen.“ Laut einer Studie ist zudem bei queeren Personen das Risiko an Depressionen zu erkranken dreimal so hoch, wie bei cis-hetero Personen. Dazu leiden queere Personen doppelt so oft an Schlafstörungen.

Altgeld kennt sich in der Szene aus. Er hat zwischen 1980 und 1992 die Hamburger Aidshilfe geleitet und ist im Vorstand des Bundesforum Männergesundheit. Der Experte plädiert deshalb für eine Bewegung auf allen Ebenen: „ Wir haben in Deutschland noch immer das Transsexuellen Gesetz von 1980. Es ist in Europa das rückschrittlichste Gesetz dieser Art. So müssen beispielsweise zwei Gutachter die Person in Augenschein nehmen. Was die Betroffenen bei den Tests erleben, ist eine Form von Diskriminierung.“

Auch die aktuelle Situation und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit erfüllt ihn mit Sorge. Altgeld: „Es gibt eine zunehmende Hasskriminalität, die sich auch auf die Gesundheit auswirkt. Es ist ein Thema, bei dem Handlungsbedarf besteht.“

Ebenfalls spricht er an, dass lesbische Frauen immer im Windschatten gesehen werden. So gäbe es keine große Studien zur lesbischen Gesundheit. Altgeld: „Die Datenlage ist schlecht in dem Bereich.“

Wichtig ist es ihm sowie den Zuhörern an diesem Abend, dass die betroffenen Personen mehr in die Diskussionen einbezogen werden. Der Experte: „Die Sensibiliserung für das Thema ist wichtig. Der Punkt, der mich auch immer umtreibt ist, redet man mit den Gruppen oder redet man nur über sie?“

In der anschließenden Diskussion wünschen sich die Gäste im Publikum unter anderem, dass es mehr Ärzte gibt, die auf diese Gruppen spezialisiert sind. Doch auch in der Notfallmedizin, wie beispielsweise bei der Ausbildung von Rettungssanitätern, müsse das Thema stärker Beachtung finden.

Altgeld: „Es wurde schon viel erreicht, aber es gibt auch noch viel zu tun in dem Bereich.“

Das Gesundheitspolitische Kolloquium verabschiedet sich jetzt in die Weihnachtspause und ist am 10. Januar wieder da. Dann referiert die Koordinatorin Gesundheitstreffpunkte e.V., Christina Kisner, über das Thema „Quartiersbezogene Gesundheitsversorgung in Bremen am Beispiel LIGA-Gröpelingen“.

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